30. Januar 2015

Von Farben und Bewegung in der Mediation - ein Interview mit Fritz Glasl



"Da war das Kind schon in den Brunnen gefallen."- "Die Mitarbeiter sollen wieder an einem Strang ziehen." -  "Das würde doch nur Öl ins Feuer gießen." Die Nutzung von Metaphern ist das Alltagsbrot von Mediatoren, mehr noch, es ist fast ein Muss. In unserer Ausbildung vermitteln wir nicht nur die Wichtigkeit sprachlicher Bilder, sondern auch die Kraft der gemalten Bilder und gespielten Szenen. Seit Jahren schätzen wir dabei die Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Friedrich Glasl, dem Konfliktforscher, Mediator und Mitbegründer der Trigon Entwicklungsberatung. Für seine Konfliktarbeit wurde Friedrich Glasl mit dem Sokrates Mediationspreis 2014 sowie heute mit dem internationalen Mediationspreis WinWinno 2015 ausgezeichnet.  

   Lieber Fritz, wir haben mit Dir letztens zwei Tage lang gearbeitet und die Gruppe war wieder mal fasziniert von der metaphorischen Arbeit. Wie erklärst Du Dir diese starke Wirkung der Metapher?
Die Metapher spricht Archetypen an, also Urbilder, die transkulturell sind und sowohl dem Rationalen als auch dem Emotionalen zu Grunde liegen. Was man mit Intuition erfassen kann, geht viel tiefer, als wenn man Dinge nur rational beschreibt. Selbst bei Bildern, die nicht so tief greifen, ist es so, dass die Erfahrungen von Bewegungen oder gespielten Szenentief verankert werden können, weil sie die Gefühlsebene und dadurch auch die Willensebene stark ansprechen.

    Nun gibt es Menschen, die von Haus aus sehr kreativ sind und mit Begeisterung zu den Wachskreiden greifen oder eine Theaterszene einüben. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Menschen, denen schon bei der Ankündigung ganz anders wird und die einen gewissen Widerstand zu dieser Arbeit mitbringen. Wie bekommst Du es hin, dass sich auch diese etwas verschlossenen Teilnehmer gut einbringen können.
Viele Menschen (und das generalisiere ich bewusst) haben einVorurteil gegen sich selbst, vielleicht schon seit der Kindheit. Es sindVorurteile, die irgendwann im Leben eine Funktion hatten und siequasi imprägniert haben. Ich sage dann meistens, dass es genügt, wenn sie mit Daumen und Zeigefinger den Wachsmalblock festhalten können, mehr müssen sie für den Moment nicht machen. Und dann auf einmal geht das.Mit dem Daumen und Zeigefinger ist es natürlich nicht ganz ernst gemeint, aber ich überlege dabei immer:  kann ich sie schrittweise hinführen oder fühlen sie sich überfallen?

     Wie geht das Hinführen in der Praxis?
Menschen sind mit Bildern eigentlich sehr vertraut. Wir können zum Beispiel zunächst das Klima in der Gruppe anhand von Ausdrücken aus der Meteorologie besprechen - also, welcher Wetterbericht wäre für das Gespräch der letzten Stunde zutreffend - neblig, stürmisch, usw.? Oder mit der Frage: "Wenn Sie ein Journalist wären, mit welcher knalligen Überschrift würden Sie das Gespräch charakterisieren?" Die Teilnehmer merken dann: wow, es geht! Und dadurch kommen sie zu der Ressource, die sie haben. Eine wichtige Sache ist: Achte drauf, welche Bilder deine Kunden ohnedies schon benutzen, greife sie auf und versuche, in dieser Metapher zu sprechen.

   Metapher ist eigentlich ursprünglich ein rhetorisches oder poetisches Mittel.Woher kam die Idee, es für die Arbeit in Organisationen zu nutzen?
Ich bin auch künstlerisch aktiv, schreibe z.B. Theaterstücke oder Hörspiele*. Bei Hörspielen geht es viel um denBilderreichtum der Sprache. Ich brauche das.Deswegen war immer die Frage - lässt sich das mit meinem Beruf verbinden? Sehr wohl! Dann habe ich eine Ausbildung in Gestalttherapiegemacht und diese nutzt sehr bewusst Bilder. 

     Was war Dir selbst dabei eine Inspiration und wie hast Du die Methode weiter entwickelt?
Bei den Malübungen verdanke ich sehr viel dem holländischen Kollegen Rob Otte. Er war, bevor er Berater wurde, Professor an der Akademie für Malen und Zeichen in Eindhoven, in den Niederlanden,und gemeinsam entwickelten wir die interaktiven Malübungen.
Wenn Du heute die hypnosystemische Beratung anschaust, geht es genau in dieselbe Richtung. In Theaterszenen z.B. wird das konkrete Geschehen verfremdet und dann zurückgespiegelt. Damit wird die tiefere Ebene der Menschen angesprochen und anschließend in Sprache übersetzt. 

   Bilder, meistens abstrakte Formen, bieten vielseitige Möglichkeiten der Interpretation. Eine Form, eine Farbe oder eine bestimmte Bewegung können doch auch völlig gegensätzlich interpretiert werden.  – Was ist wichtig, damit das Team am Ende nicht aneinander vorbei redet und statt Lösungen noch mehr Missverständnisse kreiert?
Wenn ich an die Farbübung denke, ist der interaktive Prozess das Wichtigste. Das Ergebnis hinterher kann man nicht für sich betrachten, sondern es geht darum, dass die Teilnehmerauf die subjektive Bedeutungsgebung eingehen und explizit aussprechen, warum sie diesen oder jenen Strichgemachthaben. Es ist irrelevant, wiedas Bild aussieht, sondern vielmehr, wie es dazu kam:Was hat sich da abgespielt, was war die Absicht der Menschen, die das so gemalt haben?Im Theater geben wir vor der Präsentation jederSzene einen Namen, so dass die Zuschauer mit der Interpretation nicht in die falsche Richtunggeführt werden, sondern damit sie unbefangen sagen können, wie es auf sie wirkt und was sich diejenigen dabei gedacht haben, die es vorführen. Das alles dient dem Prozess derer, die an ihrem Thema arbeiten.

  Was ist wesentlich für den Transfer von der kreativen Phantasie zur realen Gestaltung der Wirklichkeit?
Es ist wichtig, dass die Menschen wieder auf ihre Intuition achten, welche Metapher sie rein intuitiv anspricht. Wenn sie dann diejenige konkretisieren, von der sie sich rein intuitiv angezogen fühlen, dann sind sie an der Kraftquelle. Man kann sich in der Arbeitsgruppe noch austauschen, was man wahrnimmt und warum man sich von der Metapher angesprochen fühlt. Danachaber gilt die strenge Regel: weg von der Metapher!Dann geht es darum,was kann es konkret heißen und was kann man damit in der Zukunft machen?Bei der gegenseitigen Präsentation der Konkretisierungen und Überlegungen schauen wir, ob die unterschiedlichen Ideen miteinander stimmig sind. Es ist ganz, ganz selten, dass sich eine Idee mit den anderen nicht verträgt.

     Und wenn doch nicht?
Wenn es sich herausstellt, dass bestimmte Ideen einander behindern, dann ist es so. Dann bitte ich, überlegt euch gemeinsam, was geschehen müsste, damit man diese Ideen verbinden kann. Was ist die Idee hinter der Idee? An diesem Punkt angelangt, haben die Teilnehmenden aber schoneine gemeinsame Basis entwickelt. Weil ihre Ideen auf der archetypischen Ebene entstanden sind, kommen sie zu einem Konsens, der auf der rationalen Ebene so nicht sichtbar war.

Warum wirkt diese Methode so nachhaltig?
Es sind die Archetypen, die Ur-Erfahrungen und Verhaltensmuster, die von der Metapher berührt werden.Wenn ich die Menschen Jahre später treffe - und ich mache es schon seit 47 Jahren - erinnern sie sich oft an die Metapher und nutzen sie als Orientierungshilfe bis heute, auch um sich gegenseitig daran zu erinnern: "Weißt Du noch, wir wollten die Tiere im Wald doch nicht davon laufen lassen...", zum Beispiel.
Mit Führungskräften mache ich die schöne Erfahrung: Wenn sie merken, wie wirkungsvoll  die Sprache der Bilder ist, haben sie auch ein Rezept für wirkungsvolles Führen in der Hand. In der Sprache gibt es sowieso viele Bilder: gegen die Wand fahren, den Ballast abwerfen, da liegt der Hund begraben, usw. Die Metapher liegt den Menschen viel näher, aber sie haben aus irgendeinem Grund verlernt, sie anzuwenden und sind oft befreit und erleichtert, wenn sie sie für sich wieder entdecken.

Hat sich Dir aus Deiner langjährigen Praxis ein besonderer Fall eingeprägt, eine Situation, die man als Moderator und Prozessbegleiter einfach nicht vergisst?
Ich kann mich an sehr, sehr viele Situationen erinnern, aber  ganz spontan kommt mir eine der allerersten Situationen - vor 46 Jahren.Es war die Arbeit bei einer Versicherung mit zwei Produktsparten: Personen- und Sachversicherungen. Jemand kam auf die Idee, einen dritten Bereich einzuführen, der beides abdeckt. Der dritte Sektor wurde sehr erfolgreich, weil er dem ersten und dem zweiten Kunden abzog, und so kam es zur Konkurrenz. Ich erinnere mich noch gut, wie die Gruppen sehr ähnliche Bilder gefunden hatten: Es gab einmal ein Ehepaar mit zwei Söhnen. Als die Eltern alt geworden waren, verteilten sie das Erbe auf die beiden. Dann wurde überraschend noch ein dritter Sohn geboren, das Erbe war aber schon verteilt. Was machen wir jetzt? Was wäre eine geschwisterliche Lösung, die auch den Eltern ein gutes Gefühl gäbe? Diese fanden die Teams mit diesem Bild. Der Fall hat sich mir deswegen so eingeprägt, weil es der erste war, bei dem die positive Wirkung der Metapher so spürbar wurde.

Das Interview führte Marcela Müllerová 



*Friedrich Glasl ist Preisträger des Österreichischen Rundfunks, und des Internationalen UNDA-Hörspielpreises 1967.

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